Der Mythos der vergessenen Namen

Am Rande von Vierlingsbeek, versteckt zwischen den Bäumen, liegt ein Ort, an dem die Zeit stillzustehen scheint: der jüdische Friedhof. Hinter dem schmiedeeisernen Tor stehen verwitterte Grabsteine wie stumme Wächter. Über dem Tor hängt eine Gedenktafel mit den Worten: „Weine auch um jene, die nie gefunden wurden.“ Doch dort steht noch mehr geschrieben: ein Aufruf zum Gedenken, selbst wenn die Namen verblassen.

Der 1771 angelegte Friedhof beherbergt 82 Grabsteine. Einige sind noch gut lesbar und tragen Namen wie Ascher, Sohn des Moses Jakob, und Jekutiel, Sohn des Israel HaLevi und Sara. Andere Steine sind vom Zahn der Zeit gezeichnet, ihre Inschriften zu unkenntlichen Symbolen verblasst. Und dann gibt es noch die Namen, die nie eingraviert wurden, die Unbekannten, die vergessenen Seelen.

Die Geschichte erzählt von einer eiskalten Nacht im Jahr 1944, als ein junges Mädchen namens Miriam Schutz vor der Kälte suchte. Von Angst getrieben, rannte sie über die Felder, ihr Atem war in der eisigen Luft sichtbar. Sie kannte den Weg zum Friedhof, wo ihre Großeltern begraben lagen, und wusste, dass dies ein Ort der Stille war. Doch diese Nacht war anders.

Ein leises, fast unhörbares Flüstern drang an ihr Ohr. „Vergesst uns nicht …“, klang es wie das Rascheln von Blättern. Erschrocken blickte Miriam sich um, doch sie war allein. Oder etwa nicht?
Ihr Blick fiel auf einen verwitterten Stein, der halb in der Erde steckte. Und plötzlich schien es, als würden die Namen auf den Steinen aufleuchten, einer nach dem anderen. Namen, die längst verblasst waren, die niemand mehr kannte. Doch in diesem Augenblick sprachen sie zu ihr.

Miriam kniete nieder und begann leise zu flüstern. Sie nannte Namen, die sie kannte, aber auch solche, die sie erfunden oder von anderswo erhalten hatte. Mit jedem ausgesprochenen Namen schien der kalte Wind ein wenig nachzulassen, als wären die verlorenen Seelen ihr dankbar.

Seit jener Nacht, so erzählt man sich, wachen die Seelen der Vergessenen über den Friedhof. Und wer vorbeigeht und ein leises Flüstern vernimmt, braucht nur einen Namen zu nennen. Denn in Vierlingsbeek weiß man: Auch die Vergessenen dürfen nicht namenlos bleiben.

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