Der Hexenbaum des Sint Anthonis

Wer den Wald von Sint Anthonis betritt, bemerkt es meist sofort. Es wird stiller. Nicht unangenehm still, sondern eher so, als würde der Wald eine Pause einlegen. Und direkt am Weg steht er: der Baum mit den sich windenden Ästen wie Arme. Der Hexenbaum.

Der Name klingt spannender, als die Geschichte tatsächlich ist. Denn in der Vergangenheit kamen hier keine nackten, lüsternen Hexen, um den Teufel anzubeten, sondern weise Frauen, die ihr Wissen teilen wollten. Diese „Hexen“ kamen einfach deshalb hierher, weil die Lichtung selbst an dunklen Tagen Licht spendete und weil unter dem Baum Platz war, um sich ungestört auszutauschen.

Sie trafen sich in der Dämmerung. Nicht für finstere Rituale, sondern um einander zu helfen. Die eine kannte sich gut mit Kräutern aus, die andere mit Geburten, wieder eine andere wusste, wo der Honig am süßesten war. Sie tauschten ihr Wissen aus, während sie ihre Körbe an den Wurzeln des alten Riesen abstellten. Manchmal lachten sie laut, manchmal saßen sie einfach nur schweigend nebeneinander. Es war ihr Ort.

Eines Abends, nach einem langen und viel zu trockenen Sommer, lag der Wald erschöpft da. Die Blätter hingen schlaff herunter. Es roch nach warmem Sand. Trotz der Hitze kamen die Frauen zu ihrem Baum. Sie brachten Wasser in Krügen und gossen es vorsichtig an die Wurzeln, so behutsam, als würden sie ein Kind versorgen. „Er hält sich noch“, sagte die Älteste. „Aber er braucht uns.“

Es dauerte unendlich lange, aber schließlich erwachte der Baum wieder zum Leben. Äste, die zuvor schwer herabgehangen hatten, krümmten sich nach oben, als hätten sie ihre Lebenskraft wiedererlangt.

Seitdem sagt man, der Baum reagiere auf Aufmerksamkeit. Nicht im wörtlichen Sinne natürlich, aber man spürt eine energetische Veränderung, wenn man etwas mit ihm teilt. Kinder legen Steine darauf, Spaziergänger hinterlassen einen Gedanken. Und wer an einem stillen Morgen hier steht, versteht sofort, warum die Frauen diesen besonderen Ort gewählt haben.

Und nun, Jahrhunderte später, steht er immer noch da. Krumm, knorrig, schön. Aber auch verletzlich. Der Baum ist ein offizielles Denkmal, ein uraltes Wesen, das es nicht leicht hat. Der Wind wird stärker, die Sommer trockener, der Boden karger.

Wer heute dort steht, bemerkt etwas Subtiles. Eine Ruhe, eine Art Willkommen. Als ob der Ort noch immer wüsste, dass die Menschen hierherkamen, um sich um sie zu kümmern. Und das braucht er immer noch.

Der Hexenbaum von Sint Anthonis erzählt keine Geschichte von Hexen, die den Teufel anbeteten oder durch die Luft flogen. Es ist eine Geschichte über Achtsamkeit. Darüber, was bleibt, wenn Menschen sich jahrelang um einen Ort kümmern. Und vielleicht, wenn wir das weiterhin tun, wird er uns noch eine Weile erhalten bleiben.

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